„I´ve been around for a long, long year”, stellt sich der Ich-Erzähler in “Sympathy for the devil” vor. Gleiches gilt für die Urheber des Songs. Wenn sich Journalisten diesem Tatbestand annehmen, bleibt es nicht bei dieser Feststellung, die Analyse führt zu einer Inspektion der Körper der dienstältesten Rockband der Welt. Dabei gehen sie wie die Entdecker einer besonderen Spezies vor, beschreiben Physiognomie, Essverhalten, Bewegungsmuster und soziale Interaktion. Immer überspitzt, manchmal witzelnd, spöttisch, ironisch-abwertend, im Schlussakkord meistens versöhnlich im Eingeständnis der erbrachten Leistung der „unkaputtbaren Dinosaurier“.
„ Alle sehen aus wie Echsen vor der letzten Eiszeit, sie bieten faszinierendes biologisches Anschauungsmaterial. Das Echsenweibchen Mick aber futtert nur noch Grünzeug, während die Echsenmännchen sich von Stoffen ernähren, die nicht nur Echsen auf Dauer umbringen. Man weiß ja, dass Frauen länger leben.“[1]
Hier werden den beiden Hauptvertretern Geschlechtscharakteristika zugeschrieben und somit indirekt das Bild einer matriarchalischen Familie evoziert. Einer Familie, die sich fortpflanzt:
„Keine Frage, frisch geschlüpfte Bands wie Hives, Libertines oder Kaiser Chiefs sind klingender Klon, beliebig abzuleiten aus der Erbsubstanz. Die Rolling Stones erweisen sich als die DNA des Rock ’n’ Roll.“[2]
Diese DNA versorgte die Band damals und ihre Kinder heute mit dem Talent, das Prinzip Jugend idealtypisch darzustellen. Vor Jahrzehnten wurden sie dann und aufgrund dessen in das Labor der medialen und populärwissenschaftlichen Altersforschung gebracht.
„Wissenschaftler haben sich damit befasst und festgestellt, dass Popstars rein statistisch entweder mit 27 an ihren Berufskrankheiten sterben oder sich von tödlichen Gewohnheiten verabschieden. Dann werden sie bei Turnen und Salat so alt und runzlig wie Mick Jagger. Als Bestätigung der Regel dient die Ausnahme Keith Richards.“[3]
Die Bandmitglieder dienen als Projektionsflächen für die Vorstellungen vom Älterwerden, auf einer Skala von „bemüht jugendlich“ bis „in Würde“. Als Indizien werden die engen Hosen und bauchfreien T-Shirts Jaggers, „immer ein Beckenkreiseln hinter seinem eignen Mythos her“[4], die Furchen in Richards Gesichts, „der sein verwittertes Äußeres mit allerhand Glitzerschmuck Richtung Voodoo-Zombie überhöht“[5] und der stoische Gesichtausdruck von Watts, „eine Art stillvergnügter Ehrenpräsident, den man schon aufgrund seiner bescheidenen Zurückhaltung bewundern kann“[6] herangezogen. Sie werden auf die klischierten Prototypen, Verkörperungen „männlichen Alterns“ reduziert (der ewige Rebell, der Lustgreis, der Gentleman etc.), aber manchmal wird auch deutlich, dass sich die Band selbst einen Körper aus verschiedenen Images gebaut hat:
„[Keith Richards] spielt er den good guy, das Symbol des ewigen Rock ’n’ Rollers mit der Jedermann-Stimme; jeder liebt den Bluesgitarristen im Schaukelstuhl auf der Holzveranda. Ebenso wie den weißhaarigen Charlie Watts, cool cat am Schlagzeug, intellektuelle Konstante im Sex-’n’-Drug-Geschäft der Rockmusik, jazziges Alibi im Neverland der Eins- und Drei-Betonungen. Dem Dritten im Bunde bleibt da nur die Rolle des bad boy, des kalten Geschäftsmannes, des Sex- und Body-Besessenen.[…] Er muss laufen, muss schwitzen, muss sexen und seinen Waschbrettbauch zeigen, darf sich nicht verletzen. Also gibt Mick den Körper, Charlie ist Kopf, Keith das Herz: Der Organismus Rolling Stones präsentiert seine Teile, und wer das Ganze mit der Realität verwechselt, ist selber schuld.[7]“
