Freitag, 20. März 2009

Alte Meister




Auf der Suche nach den photographisch festgehaltenen Spuren des Alterns der Rolling Stones bin ich auf dieses Bild gestossen.

Keith Richards hat sich 2008 im Rahmen einer Louis Vuitton-Werbekampagne ( www. journeys.louisvuitton.com) von Annie Leibovitz fotografieren lassen. Es geht, was nahe liegt, um das Reisen. Inszeniert wird das Reisen in dieser Kampagne als „personal journey“, als „moment of self-discovery“ für verschiedene prominente Persönlichkeiten. Gorbatschow fährt auf dem Rücksitz einer Limousine an der Berliner Mauer vorbei, Catherine Deneuve sitzt auf Koffern auf einem Bahnsteig neben der einfahrenden Lok, als Diva auf dem Set eines grossen Klassikers, Francis Ford und Sophia Coppola sind in ein intergenerationelles Cineastengespräch vor der untergehenden Sonne Safari-Afrikas vertieft, Sean Connery entspannt in der Südsee und Keith Richards sitzt allein mit seiner Gitarre in einem Hotelzimmer. Der Werbeslogan :" Some journeys cannot be put into words. New York. 3 am. Blues in C." Antoine Arnault von Louis Vuitton fügt hinzu: “This is the first time ever that Keith Richards has participated in an advertising campaign of any sort, and it is hard to imagine a more compelling embodiment of a personal, emotional journey."

In der Inszenierung des Fotos hat die Lebensreise den Rockstar zu einem Nicht-Ort geführt, in ein Hotelzimmer bei Nacht, das er sich persönlicher gestaltet hat. Er hat Bücher verteilt, das Licht der Lampen durch schwarze Tüchern abgedunkelt und den Beistelltisch mit einem Totenkopf versehen. Eine frühe oder späte Bestellung aus der Hotelküche steht auf einem Sessel, der edle Koffer liegt auf dem Bett und dient als Ablagefläche für eine Tasse Tee, die Nachtlektüre und eine Leselupe. Hier nimmt kein Star ein Hotelzimmer auseinander, hier hat sich jemand eingerichtet- sagt das Foto. Dabei wird nicht verhehlt, dass es sich nicht um den heimlichen Blick durchs Schlüsselloch handelt. Die Künstlichkeit, das Gemacht-Sein des Fotos wird nicht versteckt. Der Porträtierte trägt sein Performance-Outfit: Lederjacke, offenes Zebrahemd, eine glänzende Hose, Silberschmuck und Kopftuch. Die Accessoires sind drapiert, positioniert- ein Arrangement in einer reduzierten Farbpalette in braun-beige und blau. Es wurde reichlich geleuchtet, die Schattenbereiche sind sehr hell, die Gitarre und Koffer reflektieren das Licht. Keith Richards Gesicht hat tiefe Furchen und wirkt dennoch retouchiert, wie eine Wachsfigur.

Die Bücher und die Tücher über den Lampen ergeben eine seltsame Mischung aus Teenagerzimmer und Ruhesitz. Vielleicht keine falsche Kulisse für jemanden, der wenn er stürzt, dann nur in den Ferien von einer Palme oder von der Leiter in seiner Bibliothek. Sonstige Abstürze gibt es nicht mehr, die Jugend ist verflogen, die Leselupe gibt einen Hinweis auf den körperlichen Verfall. Geblieben ist die Liebe zum Ursprung des Rock, dem Blues, und dem Nationalgetränk seiner Heimat. Und wohin führt die Reise? Ist die halb geöffnete Tür im Hintergrund, die ins Licht führt, und die Totenköpfe (Vanitas) als Jenseits-Metapher zu lesen? Wartet hinter der Tür der Teufel oder Mick Jagger?

Keith Richards hat die Bilder in einem Hinter-den-Kulissen-Video mit „Oh yes, baby. Yeah, it´s a rembrandtish“ kommentiert.



Mittwoch, 25. Februar 2009

Relikte und Reliquien II

Beim Papst ist es relativ einfach. Es gibt zwei Körper. Der eine ist in seinem Stellvertretertum auf die Ewigkeit hin ausgerichtet, der andere menschlich-vergänglich. Aufgrund dessen gilt: Der Papst ist tot, es lebe der Papst! Bei den säkularen Königen des Rock und Pop der 60er Jahre ist die Frage nach der Unsterblichkeit etwas schwieriger zu beantworten. Die Möglichkeit, die Zeit der eigenen Biographie zu überdauern, bekamen sie nicht von einer Institution oder durch Berufung auf eine höhere Instanz, sondern von jugendlichen Anhängern, den Teenage Consumern.
Aufgrund dessen gibt es bei den popkulturellen Ikonen nicht nur die Zweiteilung in Kunstfigur und private Person, sondern eine Aufspaltung in eine Vielzahl von Identifikationsangeboten. Eines der bei den Fans beliebtesten Images ist das des Künstlers mit dem Hang zur Selbstzerstörung bzw. das des grossen Talents, das zu früh starb. Live fast, die young war der Weg zum Ruhm der Vorbilder einer Generation, die sich so jung fühlte, wie noch keine Generation vor ihnen und die ihre Jugend wie ein Zeichen der Allmacht vor sich her trug. Pop klammerte das Altern aus, beinhaltete aber immer das Moment des Flüchtigen, Vergänglichen.
In diesem Kontext ist es leicht, denjenigen, die den Ruhm überlebt haben, mit Skepsis zu begegnen. Auf die Rolling Stones, die dienstälteste Rockband der Welt, trifft dies im besonderen Maße zu. Die immer wiederkehrende Bezeichnung als Dinosaurier des Popgeschäfts deklariert sie als Relikte, die in ihrer Persistenz nicht vorgesehen waren. Als solche werden die ehemaligen Verkörperungen eines Lebensgefühls zu lebenden Anachronismen erklärt, die auf den Bühnen großer Stadien zum Anschauungsmaterial für einen vermeintlichen Irrweg der Pop-Evolution werden. Die immer wieder letzte Welttournee der Band wird wahlweise mit Geldgier oder einer Hybris erklärt, die nur der Jugend zugestanden wird.

Dass Jugend und Pop untrennbar zusammengehören, erscheint jedoch als ein überholtes Denkmodell. Pop hat sich von einem Distinktions- zu einem Inklusionsmittel entwickelt. Wichtiger in diesem Zusammenhang erscheint mir aber, dass Pop immer nachfrageorientiert war und immer auch Zitat. Künstler, die sich -ihrer Wirkung gewiss- selbst zitieren und Rezipienten, die genau dies erwarten, ergänzen sich auf das Vortrefflichste. Die gemeinsame Reliquie ist das Pop-Phänomen Rolling Stones auf ihrem Zenit zwischen 1965 und 1970. Sie wird von beiden Seiten konstruiert und erhalten. Erstmal für immer.