Montag, 13. April 2009
Shine a light II
Sie beginnt mit den bekannten Rhythmen, die Bühne ist in ein rotes Licht getaucht. Rolling Stones- Rot oder Teufel- Rot, bei diesem Song ist keine Unterscheidung möglich oder nötig. Der Auftritt von Mick Jagger erfolgt über den Zuschauereingang, und auch das erscheint nur folgerichtig, denn bei den Warhorses, den Klassikern der Stones, ist das Publikum schon längst zum Bestandteil der Performance geworden. Schon bei den ersten Klängen whooohooo-en sie sich ein und feiern die Erscheinung, die sich ihren Weg über den Laufsteg durch die Menge tänzelnd bahnen wird.
Mick Jagger erscheint zunächst als dunkler Umriss, umrahmt von einer Flügeltür, die durch den Lichteinsatz unweigerlich an eine Höllenpforte denken lässt, dann als Routinier im schwarzen Federmantel, der auf die Bühne strebt, die wiederum Assoziationen an einen Altarraum mit goldenem Triptychon hervorruft. Auf seinem Weg animiert er das Publikum zum Klatschen, dieses folgt in einer gemilderten Ekstase. Keine Absperrungsgitter, wie sonst bei Konzerten üblich, halten die Fans davon ab, dem Star zu nahe zu kommen. Sie bleiben dennoch diszipliniert an ihrem Platz und strecken Mick Jagger lediglich Hände und Fotohandys entgegen. Auch wenn die Bestuhlung des Parketts entfernt wurde und das Publikum demnach stehen, sich bewegen kann, wirkt es gezähmt, fast choreographiert.
Das Beacon Theater wurde, gewählt um dem Konzertfilm einen intimen Rahmen zu geben, und vor allem bei „ Sympathy fort he Devil“ fangen die zahlreichen Kameras nicht nur die Band, sondern auch die Zuschauer ein, doch die Grenze zwischen ihnen wird nicht aufgelöst, diese Auflösung wird nur behauptet.
Mittwoch, 8. April 2009
Shine a light
In den Interviewschnipseln geht es wieder um die Lebensdauer der Rolling Stones. Kurze Archivaufnahmen aus verschiedenen Jahrzehnten zeigen, wie die Bandmitglieder immer wieder über die Frage ihres Fortbestehens spekulieren (müssen). In den 60ern traut sich mit Jagger noch ein weiteres Jahr zu, in den 70ern kann er sich schon vorstellen mit 60 noch auf der Bühne zu stehen, 2006 tut er dies für einen Film von Martin Scorsese.
„Shine a light“ ist aber kein dokumentarischer Film, der die Bandhistorie auffächert, sondern ein Konzertfilm. Mit 14 zum Teil oscar-prämierten Kameramännern konzentriert sich Martin Scorsese auf die Bühnenperformance. Kernstück seines Films sind die Auftritte der Rolling Stones im New Yorker Beacon Theater 2006. Diesem ist eine Art Making-Of vorangestellt, das einen Eindruck von den Schwierigkeiten im Vorfeld und im Zuge der Dreharbeiten vermittelt. Es ist eine kurze Erzählung eines Duells zwischen Filmemacher und Gefilmten. Scorsese und Jagger sind sich uneinig über Fragen in Bezug auf Bühnenbild, Positionierung der Kameras, Setliste und die Notwendigkeit von riesigen Kamerakranarmen und Scheinwerfern, die jedes Stadion erstrahlen lassen könnten. Dies kann man in seiner Selbstreferentialität als belanglos empfinden, aber es wäre falsch anzunehmen, hier scheitere ein Filmemacher an seiner Aufgabe.
Das Schattenboxen zwischen Scorsese und Jagger als ein Kräftemessen um die Inszenierungshoheit ist unterhaltsam und hat in Anbetracht des Sujets, der meistgefilmten Band der Welt, auch seine Berechtigung. Scorsese inszeniert dabei nicht nur die Band, sondern auch sich selbst als komödiantische Regisseurs-Figur, die als Antwort auf die Bedenken des Jaggers nur die wuchtigen Augenbrauen lüpft.
Der Film beginnt damit, dass Jagger das von Martin Scorsese vorgeschlagene Bühnenbild als Puppenstube kritisiert. Aber die Stones sind größer als die Papierfiguren des Entwurfs und der Film macht es sich nicht zur Aufgabe, an ihrem Mythos zu kratzen. Nach dem Auftritt fährt die Kamera an der Band vorbei, sie nimmt den Zuschauer mit- aus dem Theater raus auf den Broadway. Die Steadicam gibt dabei vor, die Sicht ( POV) von Mick Jagger zu übernehmen. Zwischen den Fans taucht Scorsese zweimal auf. Er gibt Anweisungen, erweist sich aber als Fan, der im Schattenboxen bereitwillig unterliegt.