Ich möchte zwei Quellennachweise der beiden letzten Posts nachtragen:
- „Hä?? Jugensprache unplugged 2009“. Langenscheidt, Berlin und München. S. 120
- Rumpf, Wolfgang: Pop& Kritk, Medien und Popkultur: Rock'n'roll, Beat, Rock, Punk: Elvis Presley, Beatles/Stones, Queen/Sex Pistols in Spiegel, Stern& Sounds. Berlin-Hamburg-Münster, 2004. S. 75
Donnerstag, 30. April 2009
Kunst und Zirkus
In seiner Dissertation zeichnet Wolfgang Rumpf die Geschichte der Berichterstattung über Pop- und Rockstars der 50er bis 70er Jahre nach- von der argwöhnischen Beobachtung und Skandalisierung bis hin zur Anerkennung der künstlerischen Leistung und der damit einhergehenden Aufnahme in das Feuilleton. Dort sind die Rolling Stones 1966 noch nicht angekommen, zeigt Rumpf und bezieht sich auf einen SPIEGEL- Artikel aus jenem Jahr (SPIEGEL5/ 1966) mit der Überschrift „ Schierer Lärm“:
Dieses Mal finden wir die Rolling Stones in einer außergewöhnlichen Rubrik, unter „Deutschland/ Gemeinden/ Vergnügungssteuern“. Thema des kleinen Artikels ist die Frage, ob der Zirkus-Krone- Auftritt der Band steuerlich als „ gesangliche Aufführung“, als „Konzert“ oder als „ Tanzveranstaltung“ zu werten sei, ob dafür Vergnügungssteuer anfalle (wie beim Tanz) oder nicht (wie bei Kunst).[…]Die bayrische Behörde stellte fest, dass der Auftritt ein „steuerpflichtiges Vergnügen“ gewesen sei, vergleichbar dem Zirkus oder einer Sport- oder Faschingsveranstaltung.“
Es ist der Ausdruck und Beleg für die untergeordnete Rolle, die der Unterhaltung in der Trias mit Kunst und Information traditionell zukam. Während letztere dem Geist zugeordnet wurden, richtete sich Unterhaltung in diesem Denkmodell an die niederen Bedürfnisse des Publikums. Des Weiteren zeigt das Ringen um eine Kategorisierung einen Umbruch im Bereich der Unterhaltung selbst. In den 60er Jahren zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass milieuspezifische Unterhaltungsangebote (die genannten Sport- und Faschingsveranstaltungen, Kirchen- und Dorffeste etc.) durch alterspezifische Angebote ersetzt worden waren. „Schierer Lärm“ war es für eine Generation, die sich nicht im Publikum befand.
Zwei Jahre später inszenierten die Stones einen eigenen Zirkus. Sie luden andere Bands ein, an einer Konzert-Show für das britische Fernsehen teilzunehmen. Der Rolling Stones Rock and Roll Circus wurde an zwei Tagen, dem 11. und 12. Dezember 1968, aufgezeichnet und versammelte Jethro Tull, Taj Mahal, The Who, Marianne Faithfull, Yoko Ono und The Dirty Mac, die nur für diesen Auftritt bestehende Band mit John Lennon, Eric Clapton, Keith Richards und Mitch Mitchell.
Während des gemeinsamen Einmarsches mit Feuerschluckern, Clowns, Artisten und einem Pferd geben sie in Kostümen vor „ Entry of the Gladiators“ zu spielen. Es folgt ein spielerisch-lebendiger Reigen, den Mick Jagger wie folgt ankündigt: „We've got sights and sounds and marvels to delight your eyes and ears.“ Ein Spektakel, das das Kulinarische, Laute, Grelle feiert. Unter den Augen eines kleinen Publikums treten zunächst die Gäste und dann die Rolling Stones in die Manege. Die Tanzbewegungen der Zuschauer werden von ihren bunten, riesigen Umhängen fast verschluckt, doch der Enthusiasmus bleibt spürbar. Dieser wird schon in der Anfangseinblendung beschworen:
"You are about to be transported to another age: swinging London in the late sixties. The Rolling Stones Rock and Roll Circus is a time capsule. Two days in December 1968 that in many ways capture the spontaneity, aspirations and communal spirit of an entire era.
…for a brief moment it seemed that rock´n´roll woul inherit the world."
Und die Erben der Welt dürfen aus dem theatrum mundi einen circus mundi machen. Diese Metapher hat neben dem Versprechen und Schönheit, Wildheit und verspielter Anarchie auch negative Konnotationen in dem Bild der Dressurnötigung und des (Rollen-) Zwangs.
Dieser Ambivalenz bewusst, können sie sie hinweglächeln: Dass gilt nur für die Kunst, nicht für das steuerpflichtige Vergnügen.
Dieses Mal finden wir die Rolling Stones in einer außergewöhnlichen Rubrik, unter „Deutschland/ Gemeinden/ Vergnügungssteuern“. Thema des kleinen Artikels ist die Frage, ob der Zirkus-Krone- Auftritt der Band steuerlich als „ gesangliche Aufführung“, als „Konzert“ oder als „ Tanzveranstaltung“ zu werten sei, ob dafür Vergnügungssteuer anfalle (wie beim Tanz) oder nicht (wie bei Kunst).[…]Die bayrische Behörde stellte fest, dass der Auftritt ein „steuerpflichtiges Vergnügen“ gewesen sei, vergleichbar dem Zirkus oder einer Sport- oder Faschingsveranstaltung.“
Es ist der Ausdruck und Beleg für die untergeordnete Rolle, die der Unterhaltung in der Trias mit Kunst und Information traditionell zukam. Während letztere dem Geist zugeordnet wurden, richtete sich Unterhaltung in diesem Denkmodell an die niederen Bedürfnisse des Publikums. Des Weiteren zeigt das Ringen um eine Kategorisierung einen Umbruch im Bereich der Unterhaltung selbst. In den 60er Jahren zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass milieuspezifische Unterhaltungsangebote (die genannten Sport- und Faschingsveranstaltungen, Kirchen- und Dorffeste etc.) durch alterspezifische Angebote ersetzt worden waren. „Schierer Lärm“ war es für eine Generation, die sich nicht im Publikum befand.
Zwei Jahre später inszenierten die Stones einen eigenen Zirkus. Sie luden andere Bands ein, an einer Konzert-Show für das britische Fernsehen teilzunehmen. Der Rolling Stones Rock and Roll Circus wurde an zwei Tagen, dem 11. und 12. Dezember 1968, aufgezeichnet und versammelte Jethro Tull, Taj Mahal, The Who, Marianne Faithfull, Yoko Ono und The Dirty Mac, die nur für diesen Auftritt bestehende Band mit John Lennon, Eric Clapton, Keith Richards und Mitch Mitchell.
Während des gemeinsamen Einmarsches mit Feuerschluckern, Clowns, Artisten und einem Pferd geben sie in Kostümen vor „ Entry of the Gladiators“ zu spielen. Es folgt ein spielerisch-lebendiger Reigen, den Mick Jagger wie folgt ankündigt: „We've got sights and sounds and marvels to delight your eyes and ears.“ Ein Spektakel, das das Kulinarische, Laute, Grelle feiert. Unter den Augen eines kleinen Publikums treten zunächst die Gäste und dann die Rolling Stones in die Manege. Die Tanzbewegungen der Zuschauer werden von ihren bunten, riesigen Umhängen fast verschluckt, doch der Enthusiasmus bleibt spürbar. Dieser wird schon in der Anfangseinblendung beschworen:
"You are about to be transported to another age: swinging London in the late sixties. The Rolling Stones Rock and Roll Circus is a time capsule. Two days in December 1968 that in many ways capture the spontaneity, aspirations and communal spirit of an entire era.
…for a brief moment it seemed that rock´n´roll woul inherit the world."
Und die Erben der Welt dürfen aus dem theatrum mundi einen circus mundi machen. Diese Metapher hat neben dem Versprechen und Schönheit, Wildheit und verspielter Anarchie auch negative Konnotationen in dem Bild der Dressurnötigung und des (Rollen-) Zwangs.
Dieser Ambivalenz bewusst, können sie sie hinweglächeln: Dass gilt nur für die Kunst, nicht für das steuerpflichtige Vergnügen.
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