Freitag, 27. März 2009

Inspektion

„I´ve been around for a long, long year”, stellt sich der Ich-Erzähler in “Sympathy for the devil” vor. Gleiches gilt für die Urheber des Songs. Wenn sich Journalisten diesem Tatbestand annehmen, bleibt es nicht bei dieser Feststellung, die Analyse führt zu einer Inspektion der Körper der dienstältesten Rockband der Welt. Dabei gehen sie wie die Entdecker einer besonderen Spezies vor, beschreiben Physiognomie, Essverhalten, Bewegungsmuster und soziale Interaktion. Immer überspitzt, manchmal witzelnd, spöttisch, ironisch-abwertend, im Schlussakkord meistens versöhnlich im Eingeständnis der erbrachten Leistung der „unkaputtbaren Dinosaurier“.

„ Alle sehen aus wie Echsen vor der letzten Eiszeit, sie bieten faszinierendes biologisches Anschauungsmaterial. Das Echsenweibchen Mick aber futtert nur noch Grünzeug, während die Echsenmännchen sich von Stoffen ernähren, die nicht nur Echsen auf Dauer umbringen. Man weiß ja, dass Frauen länger leben.“[1]

Hier werden den beiden Hauptvertretern Geschlechtscharakteristika zugeschrieben und somit indirekt das Bild einer matriarchalischen Familie evoziert. Einer Familie, die sich fortpflanzt:

„Keine Frage, frisch geschlüpfte Bands wie Hives, Libertines oder Kaiser Chiefs sind klingender Klon, beliebig abzuleiten aus der Erbsubstanz. Die Rolling Stones erweisen sich als die DNA des Rock ’n’ Roll.“[2]

Diese DNA versorgte die Band damals und ihre Kinder heute mit dem Talent, das Prinzip Jugend idealtypisch darzustellen. Vor Jahrzehnten wurden sie dann und aufgrund dessen in das Labor der medialen und populärwissenschaftlichen Altersforschung gebracht.

„Wissenschaftler haben sich damit befasst und festgestellt, dass Popstars rein statistisch entweder mit 27 an ihren Berufskrankheiten sterben oder sich von tödlichen Gewohnheiten verabschieden. Dann werden sie bei Turnen und Salat so alt und runzlig wie Mick Jagger. Als Bestätigung der Regel dient die Ausnahme Keith Richards.“[3]

Die Bandmitglieder dienen als Projektionsflächen für die Vorstellungen vom Älterwerden, auf einer Skala von „bemüht jugendlich“ bis „in Würde“. Als Indizien werden die engen Hosen und bauchfreien T-Shirts Jaggers, „immer ein Beckenkreiseln hinter seinem eignen Mythos her“[4], die Furchen in Richards Gesichts, „der sein verwittertes Äußeres mit allerhand Glitzerschmuck Richtung Voodoo-Zombie überhöht“[5] und der stoische Gesichtausdruck von Watts, „eine Art stillvergnügter Ehrenpräsident, den man schon aufgrund seiner bescheidenen Zurückhaltung bewundern kann[6] herangezogen. Sie werden auf die klischierten Prototypen, Verkörperungen „männlichen Alterns“ reduziert (der ewige Rebell, der Lustgreis, der Gentleman etc.), aber manchmal wird auch deutlich, dass sich die Band selbst einen Körper aus verschiedenen Images gebaut hat:

„[Keith Richards] spielt er den good guy, das Symbol des ewigen Rock ’n’ Rollers mit der Jedermann-Stimme; jeder liebt den Bluesgitarristen im Schaukelstuhl auf der Holzveranda. Ebenso wie den weißhaarigen Charlie Watts, cool cat am Schlagzeug, intellektuelle Konstante im Sex-’n’-Drug-Geschäft der Rockmusik, jazziges Alibi im Neverland der Eins- und Drei-Betonungen. Dem Dritten im Bunde bleibt da nur die Rolle des bad boy, des kalten Geschäftsmannes, des Sex- und Body-Besessenen.[…] Er muss laufen, muss schwitzen, muss sexen und seinen Waschbrettbauch zeigen, darf sich nicht verletzen. Also gibt Mick den Körper, Charlie ist Kopf, Keith das Herz: Der Organismus Rolling Stones präsentiert seine Teile, und wer das Ganze mit der Realität verwechselt, ist selber schuld.[7]



[2] http://www.zeit.de/2005/36/D-Aufmacher

[3] http://www.welt.de/kultur/article3308056

[4] http://www.zeit.de/2003/25/Stones

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] http://www.zeit.de/2005/36/D-Aufmacher

Freitag, 20. März 2009

Alte Meister




Auf der Suche nach den photographisch festgehaltenen Spuren des Alterns der Rolling Stones bin ich auf dieses Bild gestossen.

Keith Richards hat sich 2008 im Rahmen einer Louis Vuitton-Werbekampagne ( www. journeys.louisvuitton.com) von Annie Leibovitz fotografieren lassen. Es geht, was nahe liegt, um das Reisen. Inszeniert wird das Reisen in dieser Kampagne als „personal journey“, als „moment of self-discovery“ für verschiedene prominente Persönlichkeiten. Gorbatschow fährt auf dem Rücksitz einer Limousine an der Berliner Mauer vorbei, Catherine Deneuve sitzt auf Koffern auf einem Bahnsteig neben der einfahrenden Lok, als Diva auf dem Set eines grossen Klassikers, Francis Ford und Sophia Coppola sind in ein intergenerationelles Cineastengespräch vor der untergehenden Sonne Safari-Afrikas vertieft, Sean Connery entspannt in der Südsee und Keith Richards sitzt allein mit seiner Gitarre in einem Hotelzimmer. Der Werbeslogan :" Some journeys cannot be put into words. New York. 3 am. Blues in C." Antoine Arnault von Louis Vuitton fügt hinzu: “This is the first time ever that Keith Richards has participated in an advertising campaign of any sort, and it is hard to imagine a more compelling embodiment of a personal, emotional journey."

In der Inszenierung des Fotos hat die Lebensreise den Rockstar zu einem Nicht-Ort geführt, in ein Hotelzimmer bei Nacht, das er sich persönlicher gestaltet hat. Er hat Bücher verteilt, das Licht der Lampen durch schwarze Tüchern abgedunkelt und den Beistelltisch mit einem Totenkopf versehen. Eine frühe oder späte Bestellung aus der Hotelküche steht auf einem Sessel, der edle Koffer liegt auf dem Bett und dient als Ablagefläche für eine Tasse Tee, die Nachtlektüre und eine Leselupe. Hier nimmt kein Star ein Hotelzimmer auseinander, hier hat sich jemand eingerichtet- sagt das Foto. Dabei wird nicht verhehlt, dass es sich nicht um den heimlichen Blick durchs Schlüsselloch handelt. Die Künstlichkeit, das Gemacht-Sein des Fotos wird nicht versteckt. Der Porträtierte trägt sein Performance-Outfit: Lederjacke, offenes Zebrahemd, eine glänzende Hose, Silberschmuck und Kopftuch. Die Accessoires sind drapiert, positioniert- ein Arrangement in einer reduzierten Farbpalette in braun-beige und blau. Es wurde reichlich geleuchtet, die Schattenbereiche sind sehr hell, die Gitarre und Koffer reflektieren das Licht. Keith Richards Gesicht hat tiefe Furchen und wirkt dennoch retouchiert, wie eine Wachsfigur.

Die Bücher und die Tücher über den Lampen ergeben eine seltsame Mischung aus Teenagerzimmer und Ruhesitz. Vielleicht keine falsche Kulisse für jemanden, der wenn er stürzt, dann nur in den Ferien von einer Palme oder von der Leiter in seiner Bibliothek. Sonstige Abstürze gibt es nicht mehr, die Jugend ist verflogen, die Leselupe gibt einen Hinweis auf den körperlichen Verfall. Geblieben ist die Liebe zum Ursprung des Rock, dem Blues, und dem Nationalgetränk seiner Heimat. Und wohin führt die Reise? Ist die halb geöffnete Tür im Hintergrund, die ins Licht führt, und die Totenköpfe (Vanitas) als Jenseits-Metapher zu lesen? Wartet hinter der Tür der Teufel oder Mick Jagger?

Keith Richards hat die Bilder in einem Hinter-den-Kulissen-Video mit „Oh yes, baby. Yeah, it´s a rembrandtish“ kommentiert.