In seiner Dissertation zeichnet Wolfgang Rumpf die Geschichte der Berichterstattung über Pop- und Rockstars der 50er bis 70er Jahre nach- von der argwöhnischen Beobachtung und Skandalisierung bis hin zur Anerkennung der künstlerischen Leistung und der damit einhergehenden Aufnahme in das Feuilleton. Dort sind die Rolling Stones 1966 noch nicht angekommen, zeigt Rumpf und bezieht sich auf einen SPIEGEL- Artikel aus jenem Jahr (SPIEGEL5/ 1966) mit der Überschrift „ Schierer Lärm“:
Dieses Mal finden wir die Rolling Stones in einer außergewöhnlichen Rubrik, unter „Deutschland/ Gemeinden/ Vergnügungssteuern“. Thema des kleinen Artikels ist die Frage, ob der Zirkus-Krone- Auftritt der Band steuerlich als „ gesangliche Aufführung“, als „Konzert“ oder als „ Tanzveranstaltung“ zu werten sei, ob dafür Vergnügungssteuer anfalle (wie beim Tanz) oder nicht (wie bei Kunst).[…]Die bayrische Behörde stellte fest, dass der Auftritt ein „steuerpflichtiges Vergnügen“ gewesen sei, vergleichbar dem Zirkus oder einer Sport- oder Faschingsveranstaltung.“
Es ist der Ausdruck und Beleg für die untergeordnete Rolle, die der Unterhaltung in der Trias mit Kunst und Information traditionell zukam. Während letztere dem Geist zugeordnet wurden, richtete sich Unterhaltung in diesem Denkmodell an die niederen Bedürfnisse des Publikums. Des Weiteren zeigt das Ringen um eine Kategorisierung einen Umbruch im Bereich der Unterhaltung selbst. In den 60er Jahren zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass milieuspezifische Unterhaltungsangebote (die genannten Sport- und Faschingsveranstaltungen, Kirchen- und Dorffeste etc.) durch alterspezifische Angebote ersetzt worden waren. „Schierer Lärm“ war es für eine Generation, die sich nicht im Publikum befand.
Zwei Jahre später inszenierten die Stones einen eigenen Zirkus. Sie luden andere Bands ein, an einer Konzert-Show für das britische Fernsehen teilzunehmen. Der Rolling Stones Rock and Roll Circus wurde an zwei Tagen, dem 11. und 12. Dezember 1968, aufgezeichnet und versammelte Jethro Tull, Taj Mahal, The Who, Marianne Faithfull, Yoko Ono und The Dirty Mac, die nur für diesen Auftritt bestehende Band mit John Lennon, Eric Clapton, Keith Richards und Mitch Mitchell.
Während des gemeinsamen Einmarsches mit Feuerschluckern, Clowns, Artisten und einem Pferd geben sie in Kostümen vor „ Entry of the Gladiators“ zu spielen. Es folgt ein spielerisch-lebendiger Reigen, den Mick Jagger wie folgt ankündigt: „We've got sights and sounds and marvels to delight your eyes and ears.“ Ein Spektakel, das das Kulinarische, Laute, Grelle feiert. Unter den Augen eines kleinen Publikums treten zunächst die Gäste und dann die Rolling Stones in die Manege. Die Tanzbewegungen der Zuschauer werden von ihren bunten, riesigen Umhängen fast verschluckt, doch der Enthusiasmus bleibt spürbar. Dieser wird schon in der Anfangseinblendung beschworen:
"You are about to be transported to another age: swinging London in the late sixties. The Rolling Stones Rock and Roll Circus is a time capsule. Two days in December 1968 that in many ways capture the spontaneity, aspirations and communal spirit of an entire era.
…for a brief moment it seemed that rock´n´roll woul inherit the world."
Und die Erben der Welt dürfen aus dem theatrum mundi einen circus mundi machen. Diese Metapher hat neben dem Versprechen und Schönheit, Wildheit und verspielter Anarchie auch negative Konnotationen in dem Bild der Dressurnötigung und des (Rollen-) Zwangs.
Dieser Ambivalenz bewusst, können sie sie hinweglächeln: Dass gilt nur für die Kunst, nicht für das steuerpflichtige Vergnügen.
Donnerstag, 30. April 2009
Dienstag, 28. April 2009
to rock
Den Forumsbeiträgen zufolge unterscheiden sich die User auch in den Kinovorstellungen des Konzertfilms vom übrigen Publikum und sind somit leicht als Fans auszumachen:
„I had a blast and danced the whole movie! will defintely go back and see it again.”
“Must admit, when the movie started, I thought I'm gonna look like a complete knob if I start rocking out. but then my natural urges took over and I just didn't give a crap, ha!”
“What disappointed me a bit was, that noone rocked! I mean, I was the only one clapping my hands and shrieking and shouting 'Wohoo' or whatever all the time, I tried to animate the others but noone would join in. They were all just sitting there, staring at the screen, not moving. Unbelievable! I kept on rocking, though!“
Der wahre Fan lässt sich auch von Rezeptionsumfeld und –bedingungen nicht beeinflussen. Er feiert sich und die Band wie bei einem Konzert, auch zwischen Multiplex- oder IMAX- Komfortsitzen. Sitzreihen sind, das zeigt die Rockhistorie, eine Hürde, die es zu ignorieren oder zu überwinden gilt. In früheren Jahren wurden sie nicht selten zerstört, zertrümmert als Zeichen einer Ordnung, einer vorgegebenen Rezeptionshaltung, die man nicht einnehmen wollte. Die Sitzposition ein Korsett, in das man sich nicht fügen wollte, das man abstreifen musste. Rocken als Freiheit für den Körper- gilt das noch?
Rocken kann heute vieles. Unzählige URLs belegen: Mathe rockt, eigentlich jede deutsche Stadt (und möge sie noch so provinziell klingen) rockt und Jesus rockt. Mit Akkusativobjekt geht es auch. Ich rocke den Club, du rockst den Kater, er rockt die Führerscheinprüfung, wir, ihr und sie rocken jede Situation.
Beim schriftlichen Fixieren überkommt mich ein Zweifel, ob das Verb unter Jugendlichen wirklich noch gebräuchlich ist. Das Lexikon „ Jugendsprache unplugged 2009“ führt es allerdings noch und übersetzt: Spaß machen, Stimmung machen. Als Anwendungsbeispiel wird folgender Satz angeboten: Ich hab den Wii ausprobiert, das Teil rockt! Trotz der Schleichwerbung bin ich beruhigt. Es geht noch um Körper in Bewegung. Und bei einer Version des Wii-Spiels Rayman Raving Rabbids kann man am Schluss sogar als weisse Kaninchen auf der Bühne stehen, Songs mit den Steuerungselementen nachspielen und rocken, bzw. so tun als ob.
„I had a blast and danced the whole movie! will defintely go back and see it again.”
“Must admit, when the movie started, I thought I'm gonna look like a complete knob if I start rocking out. but then my natural urges took over and I just didn't give a crap, ha!”
“What disappointed me a bit was, that noone rocked! I mean, I was the only one clapping my hands and shrieking and shouting 'Wohoo' or whatever all the time, I tried to animate the others but noone would join in. They were all just sitting there, staring at the screen, not moving. Unbelievable! I kept on rocking, though!“
Der wahre Fan lässt sich auch von Rezeptionsumfeld und –bedingungen nicht beeinflussen. Er feiert sich und die Band wie bei einem Konzert, auch zwischen Multiplex- oder IMAX- Komfortsitzen. Sitzreihen sind, das zeigt die Rockhistorie, eine Hürde, die es zu ignorieren oder zu überwinden gilt. In früheren Jahren wurden sie nicht selten zerstört, zertrümmert als Zeichen einer Ordnung, einer vorgegebenen Rezeptionshaltung, die man nicht einnehmen wollte. Die Sitzposition ein Korsett, in das man sich nicht fügen wollte, das man abstreifen musste. Rocken als Freiheit für den Körper- gilt das noch?
Rocken kann heute vieles. Unzählige URLs belegen: Mathe rockt, eigentlich jede deutsche Stadt (und möge sie noch so provinziell klingen) rockt und Jesus rockt. Mit Akkusativobjekt geht es auch. Ich rocke den Club, du rockst den Kater, er rockt die Führerscheinprüfung, wir, ihr und sie rocken jede Situation.
Beim schriftlichen Fixieren überkommt mich ein Zweifel, ob das Verb unter Jugendlichen wirklich noch gebräuchlich ist. Das Lexikon „ Jugendsprache unplugged 2009“ führt es allerdings noch und übersetzt: Spaß machen, Stimmung machen. Als Anwendungsbeispiel wird folgender Satz angeboten: Ich hab den Wii ausprobiert, das Teil rockt! Trotz der Schleichwerbung bin ich beruhigt. Es geht noch um Körper in Bewegung. Und bei einer Version des Wii-Spiels Rayman Raving Rabbids kann man am Schluss sogar als weisse Kaninchen auf der Bühne stehen, Songs mit den Steuerungselementen nachspielen und rocken, bzw. so tun als ob.
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