Sonntag, 7. Dezember 2008

Relikte und Reliquien

Der Papst verzeiht John Lennon- diese Meldung ging vor wenigen Wochen durch die Medien. Sie basiert auf einem Artikel des Osservatore Romano, der offiziellen Zeitung des Vatikans. In diesem Artikel wird Bezug auf die von John Lennon vor 42 Jahren geäußerte Behauptung, die Beatles seien berühmter als Jesus, genommen. Damals reagierte der Vatikan verstimmt, nun zeigt er aber Verständnis für den, so heißt es, Übermut eines jungen Mannes aus der englischen Arbeiterklasse, der von seinem Ruhm überfordert war. Sicherlich nicht ganz freiwillig hatte sich John Lennon zwar schon kurz darauf für seine Worte entschuldigt, aber für ihre Gnadenbekundigung nahm sich die Kirche Zeit. Das kann sie auch, denn um zu verzeihen ist es insbesondere für die Kirche nicht nötig, dass die betreffende sündige Person noch lebt.

Anlass für den späten Sinneswandel ist ein Jubiläum. Vor 40 Jahren, im November 1968, erschien das „ White Album“ der Beatles, dessen Qualität im genannten Artikel gelobt wird. Zur etwa gleichen Zeit arbeiteten die Rolling Stones an ihrem Album „Beggars Banquet“ und nahmen „Sympathy for the Devil“ auf.

Ob es nun aus theologischer Sicht ketzerischer ist, sich mit Jesus zu vergleichen oder um Mitgefühl für den Teufel zu werben, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Die Mitglieder beider Bands wurden von der Kirche als falsche Götter der Jugend diffamiert. Und nun, 40 Jahre später? Eine unausweichliche Konstante gibt es: Bis heute werden Religionsmetaphern zur Beschreibung des Phänomens Rock- und Popstar herangezogen, Musiker als Prediger, als göttliche Gestalten oder gefallene Engel, Fans als Jünger in Ekstase, Konzerte als Messen, Riten usw. beschrieben. Was mich im Fall der Beatles und der Stones interessiert: Sind sie Relikte oder sind sie zu Reliquien geworden? Beide Begriffe bedeuten „Überbleibsel“. Während Relikte sich dadurch auszeichnen, dass sie unintendiert die Zeiten überdauert haben, werden Reliquien bewusst als Gegenstand der Verehrung konserviert…

Fortsetzung folgt

Freitag, 21. November 2008

One plus One- Godard und die Frauen

Eigentlich wollte Jean-Luc Godard, als er nach England kam, einen Film über Abtreibung machen. Die restriktiven Gesetze wurden jedoch gelockert und Godard entschied sich, einen Film über eine Boy-Group zu machen, an dessen Ende die Leiche einer Frau am Strand von einem Kamerakran in den Himmel gehoben wird. Anlass genug der Frage nachzugehen, welche Frauenbilder in dem Film One plus One entworfen werden.

Der 1968 entstandene Film ist eine Collage. Er zeigt die Rolling Stones bei den Aufnahmen zu ihren Song Sympathy for the Devil. Neben diesen dokumentarischen Szenen gibt es mehrere wiederkehrende fiktionale Handlungsstränge. Auf einem Autoschrottplatz verkünden bewaffnete, schwarze Radikalisten Texte der Black Panthers und richten weisse Frauen hin. Ein Dandy liest in seinem Laden für pornographische Groschenhefte aus „Mein Kampf“. Eine junge Frau wird in einem Wald von einem Filmteam interviewt. Hinzu kommen kurze Szenen, in denen Slogans an Häuser, Autos etc. gesprüht werden. Eine Erzählerstimme aus dem OFF verliest verschiedene Passagen aus einem Spionageroman, der zugleich auch ein Politporno ist. Es gibt keine herkömmliche narrative Struktur, keine handelnden Figuren. Politik und Sex, Macht- und Geschlechterverhältnisse werden als Teile des 68er Diskurses aufgenommen.

Die weibliche Figur, die die meiste Filmzeit einnimmt, wird von Godards damaliger Lebensgefährtin Anne Wiazemsky gespielt. Sie ist eine junge Frau, die durch die Natur wandelt und dabei von Reporter, Kamera- und Tonmann sowie suggestiven Fragen verfolgt wird. Ihr Name, so erfährt der Interviewer und mit ihm der Zuschauer, ist Eve Democracy. Sie wird also als eine allegorische Figur ausgewiesen- eine Allegorie in einem mädchenhaften Kleid und einer ebensolchen Frisur. Sie ist so unschuldig, dass ihr nahender Tod feststeht. Nicht nur im bürgerlichen Trauerspiel und Horrorfilmen sind es die jungen Töchter, die sterben.

Durch ihren limitierten binären Antwortkatalog („ Ja“ oder „Nein“) macht sie mit in einem Spiel, in dem die Fragen den Vorrang haben. Am Ende des Interviews, nach langen Minuten, antwortet sie auf die Frage, ob man als revolutionärer Intellektueller aufhören müsse ein Intellektueller zu sein, mit einem insistierenden „ Yes, yes, yes, yes…“. Hier ist sie das Sprachrohr Godards. In einem Interview vor den Dreharbeiten zu One Plus One verriet dieser, er wolle den Film so einfach wie möglich machen „ almost like an amateur film. What I want above all is to destroy the idea of culture.”[1] Für den intellektuellen Filmemacher, der Kultur und bürgerliches Erbe hinter sich zu lassen trachtet, wird das Bild des „Mädchens“ in Form männlicher Wunsch und Ideologieproduktion zur Antwort? Diese Interpretation liegt nahe, doch greift sie vielleicht insofern zu kurz, als dass sie außer Acht lässt, dass der Film Konstruktion und Dekonstruktion gegenüberstellt. Die grüne Idylle, in der sich Eve bewegt, und die die tradierte Gleichsetzung von Natur und Weiblichkeit ins Gedächtnis ruft, wird durch künstliches Vogelgezwitscher und Flugzeuglärm gebrochen. Sie begeht später Selbstmord und Godard ist es, der auftritt und Kunstblut verteilt.



[1] Roud, Richard: Jean-Luc Godard. Thames and Hudson, 1970. S.134