Mittwoch, 25. Februar 2009

Relikte und Reliquien II

Beim Papst ist es relativ einfach. Es gibt zwei Körper. Der eine ist in seinem Stellvertretertum auf die Ewigkeit hin ausgerichtet, der andere menschlich-vergänglich. Aufgrund dessen gilt: Der Papst ist tot, es lebe der Papst! Bei den säkularen Königen des Rock und Pop der 60er Jahre ist die Frage nach der Unsterblichkeit etwas schwieriger zu beantworten. Die Möglichkeit, die Zeit der eigenen Biographie zu überdauern, bekamen sie nicht von einer Institution oder durch Berufung auf eine höhere Instanz, sondern von jugendlichen Anhängern, den Teenage Consumern.
Aufgrund dessen gibt es bei den popkulturellen Ikonen nicht nur die Zweiteilung in Kunstfigur und private Person, sondern eine Aufspaltung in eine Vielzahl von Identifikationsangeboten. Eines der bei den Fans beliebtesten Images ist das des Künstlers mit dem Hang zur Selbstzerstörung bzw. das des grossen Talents, das zu früh starb. Live fast, die young war der Weg zum Ruhm der Vorbilder einer Generation, die sich so jung fühlte, wie noch keine Generation vor ihnen und die ihre Jugend wie ein Zeichen der Allmacht vor sich her trug. Pop klammerte das Altern aus, beinhaltete aber immer das Moment des Flüchtigen, Vergänglichen.
In diesem Kontext ist es leicht, denjenigen, die den Ruhm überlebt haben, mit Skepsis zu begegnen. Auf die Rolling Stones, die dienstälteste Rockband der Welt, trifft dies im besonderen Maße zu. Die immer wiederkehrende Bezeichnung als Dinosaurier des Popgeschäfts deklariert sie als Relikte, die in ihrer Persistenz nicht vorgesehen waren. Als solche werden die ehemaligen Verkörperungen eines Lebensgefühls zu lebenden Anachronismen erklärt, die auf den Bühnen großer Stadien zum Anschauungsmaterial für einen vermeintlichen Irrweg der Pop-Evolution werden. Die immer wieder letzte Welttournee der Band wird wahlweise mit Geldgier oder einer Hybris erklärt, die nur der Jugend zugestanden wird.

Dass Jugend und Pop untrennbar zusammengehören, erscheint jedoch als ein überholtes Denkmodell. Pop hat sich von einem Distinktions- zu einem Inklusionsmittel entwickelt. Wichtiger in diesem Zusammenhang erscheint mir aber, dass Pop immer nachfrageorientiert war und immer auch Zitat. Künstler, die sich -ihrer Wirkung gewiss- selbst zitieren und Rezipienten, die genau dies erwarten, ergänzen sich auf das Vortrefflichste. Die gemeinsame Reliquie ist das Pop-Phänomen Rolling Stones auf ihrem Zenit zwischen 1965 und 1970. Sie wird von beiden Seiten konstruiert und erhalten. Erstmal für immer.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Relikte und Reliquien

Der Papst verzeiht John Lennon- diese Meldung ging vor wenigen Wochen durch die Medien. Sie basiert auf einem Artikel des Osservatore Romano, der offiziellen Zeitung des Vatikans. In diesem Artikel wird Bezug auf die von John Lennon vor 42 Jahren geäußerte Behauptung, die Beatles seien berühmter als Jesus, genommen. Damals reagierte der Vatikan verstimmt, nun zeigt er aber Verständnis für den, so heißt es, Übermut eines jungen Mannes aus der englischen Arbeiterklasse, der von seinem Ruhm überfordert war. Sicherlich nicht ganz freiwillig hatte sich John Lennon zwar schon kurz darauf für seine Worte entschuldigt, aber für ihre Gnadenbekundigung nahm sich die Kirche Zeit. Das kann sie auch, denn um zu verzeihen ist es insbesondere für die Kirche nicht nötig, dass die betreffende sündige Person noch lebt.

Anlass für den späten Sinneswandel ist ein Jubiläum. Vor 40 Jahren, im November 1968, erschien das „ White Album“ der Beatles, dessen Qualität im genannten Artikel gelobt wird. Zur etwa gleichen Zeit arbeiteten die Rolling Stones an ihrem Album „Beggars Banquet“ und nahmen „Sympathy for the Devil“ auf.

Ob es nun aus theologischer Sicht ketzerischer ist, sich mit Jesus zu vergleichen oder um Mitgefühl für den Teufel zu werben, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Die Mitglieder beider Bands wurden von der Kirche als falsche Götter der Jugend diffamiert. Und nun, 40 Jahre später? Eine unausweichliche Konstante gibt es: Bis heute werden Religionsmetaphern zur Beschreibung des Phänomens Rock- und Popstar herangezogen, Musiker als Prediger, als göttliche Gestalten oder gefallene Engel, Fans als Jünger in Ekstase, Konzerte als Messen, Riten usw. beschrieben. Was mich im Fall der Beatles und der Stones interessiert: Sind sie Relikte oder sind sie zu Reliquien geworden? Beide Begriffe bedeuten „Überbleibsel“. Während Relikte sich dadurch auszeichnen, dass sie unintendiert die Zeiten überdauert haben, werden Reliquien bewusst als Gegenstand der Verehrung konserviert…

Fortsetzung folgt