Donnerstag, 30. April 2009
Schlusstanz
Im Rock and Roll Circus, während des Songs Sympathy for Devil, spielt Jagger auf zumindest zwei Elemente an. Er tanzt sich in gesteigerter Ekstase seine Seele aus dem Leib, der von mindestens einem Teufel durchdrungen zu sein scheint. Zum Ende hin streift er sein Shirt ab und gibt den Blick frei auf das äußere Zeichen der inneren Aufruhr: Es ist ein aufgemaltes Tattoo, ein Teufelskopf. Doch das ist kein Hinweis auf einen Pakt, denn dies verlangt der Teufel nicht. Er verlangt bisweilen eine Unterschrift mit dem eigenen Blut, hinterlässt gewöhnlich aber keine Spuren, kein Mal auf der Haut derjenigen, die sich mit ihm einlassen. Und auch wenn die Stones hier, wie später häufig in ihrer Karriere, eine Bühne in T- Form bespielen und somit ein weiteres Kriterium fast erfüllt ist, nämlich der benötigte Kreuzweg, geht Jagger hier keinen Teufelspakt ein. Die möglichen Teufelsbündner sind wir, das Publikum, das an mehreren Stellen des Songs adressiert wird:
when after all it was you and me
Der Teufel des Songs verspricht den Adressaten nichts, sondern benennt die Risiken im Ungang mit ihm und droht:
use all your well-learned politesse
or Ill lay your soul to waste, um yeah
Das Angebot des Teufels richtet sich nach den Wünschen jedes Einzelnen. Er verleiht außergewöhnliche Talente, Reichtum oder erfüllt einen anderen sonst unerreichbaren Traum.
hope you guess my name
Es ist ein Spiel, weil wir seinen Namen so gut kennen wie er unsere Wünsche. Was er offeriert, kann man den Zeilen nicht entnehmen. Nach meinen Blogeinträgen muss ich aber annehmen, dass er unsere Körper beleben, verjüngen will. Dies ist zum einen das Angebot des bekanntesten Teufelspakts, lässt sich auf den Faust- Mythos zurückführen, und ist zum anderen das Versprechen des Pop.
Demnach muss heute in der Walpurgisnacht getanzt werden.
Nachtrag
- „Hä?? Jugensprache unplugged 2009“. Langenscheidt, Berlin und München. S. 120
- Rumpf, Wolfgang: Pop& Kritk, Medien und Popkultur: Rock'n'roll, Beat, Rock, Punk: Elvis Presley, Beatles/Stones, Queen/Sex Pistols in Spiegel, Stern& Sounds. Berlin-Hamburg-Münster, 2004. S. 75
Kunst und Zirkus
Dieses Mal finden wir die Rolling Stones in einer außergewöhnlichen Rubrik, unter „Deutschland/ Gemeinden/ Vergnügungssteuern“. Thema des kleinen Artikels ist die Frage, ob der Zirkus-Krone- Auftritt der Band steuerlich als „ gesangliche Aufführung“, als „Konzert“ oder als „ Tanzveranstaltung“ zu werten sei, ob dafür Vergnügungssteuer anfalle (wie beim Tanz) oder nicht (wie bei Kunst).[…]Die bayrische Behörde stellte fest, dass der Auftritt ein „steuerpflichtiges Vergnügen“ gewesen sei, vergleichbar dem Zirkus oder einer Sport- oder Faschingsveranstaltung.“
Es ist der Ausdruck und Beleg für die untergeordnete Rolle, die der Unterhaltung in der Trias mit Kunst und Information traditionell zukam. Während letztere dem Geist zugeordnet wurden, richtete sich Unterhaltung in diesem Denkmodell an die niederen Bedürfnisse des Publikums. Des Weiteren zeigt das Ringen um eine Kategorisierung einen Umbruch im Bereich der Unterhaltung selbst. In den 60er Jahren zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass milieuspezifische Unterhaltungsangebote (die genannten Sport- und Faschingsveranstaltungen, Kirchen- und Dorffeste etc.) durch alterspezifische Angebote ersetzt worden waren. „Schierer Lärm“ war es für eine Generation, die sich nicht im Publikum befand.
Zwei Jahre später inszenierten die Stones einen eigenen Zirkus. Sie luden andere Bands ein, an einer Konzert-Show für das britische Fernsehen teilzunehmen. Der Rolling Stones Rock and Roll Circus wurde an zwei Tagen, dem 11. und 12. Dezember 1968, aufgezeichnet und versammelte Jethro Tull, Taj Mahal, The Who, Marianne Faithfull, Yoko Ono und The Dirty Mac, die nur für diesen Auftritt bestehende Band mit John Lennon, Eric Clapton, Keith Richards und Mitch Mitchell.
Während des gemeinsamen Einmarsches mit Feuerschluckern, Clowns, Artisten und einem Pferd geben sie in Kostümen vor „ Entry of the Gladiators“ zu spielen. Es folgt ein spielerisch-lebendiger Reigen, den Mick Jagger wie folgt ankündigt: „We've got sights and sounds and marvels to delight your eyes and ears.“ Ein Spektakel, das das Kulinarische, Laute, Grelle feiert. Unter den Augen eines kleinen Publikums treten zunächst die Gäste und dann die Rolling Stones in die Manege. Die Tanzbewegungen der Zuschauer werden von ihren bunten, riesigen Umhängen fast verschluckt, doch der Enthusiasmus bleibt spürbar. Dieser wird schon in der Anfangseinblendung beschworen:
"You are about to be transported to another age: swinging London in the late sixties. The Rolling Stones Rock and Roll Circus is a time capsule. Two days in December 1968 that in many ways capture the spontaneity, aspirations and communal spirit of an entire era.
…for a brief moment it seemed that rock´n´roll woul inherit the world."
Und die Erben der Welt dürfen aus dem theatrum mundi einen circus mundi machen. Diese Metapher hat neben dem Versprechen und Schönheit, Wildheit und verspielter Anarchie auch negative Konnotationen in dem Bild der Dressurnötigung und des (Rollen-) Zwangs.
Dieser Ambivalenz bewusst, können sie sie hinweglächeln: Dass gilt nur für die Kunst, nicht für das steuerpflichtige Vergnügen.
Dienstag, 28. April 2009
to rock
„I had a blast and danced the whole movie! will defintely go back and see it again.”
“Must admit, when the movie started, I thought I'm gonna look like a complete knob if I start rocking out. but then my natural urges took over and I just didn't give a crap, ha!”
“What disappointed me a bit was, that noone rocked! I mean, I was the only one clapping my hands and shrieking and shouting 'Wohoo' or whatever all the time, I tried to animate the others but noone would join in. They were all just sitting there, staring at the screen, not moving. Unbelievable! I kept on rocking, though!“
Der wahre Fan lässt sich auch von Rezeptionsumfeld und –bedingungen nicht beeinflussen. Er feiert sich und die Band wie bei einem Konzert, auch zwischen Multiplex- oder IMAX- Komfortsitzen. Sitzreihen sind, das zeigt die Rockhistorie, eine Hürde, die es zu ignorieren oder zu überwinden gilt. In früheren Jahren wurden sie nicht selten zerstört, zertrümmert als Zeichen einer Ordnung, einer vorgegebenen Rezeptionshaltung, die man nicht einnehmen wollte. Die Sitzposition ein Korsett, in das man sich nicht fügen wollte, das man abstreifen musste. Rocken als Freiheit für den Körper- gilt das noch?
Rocken kann heute vieles. Unzählige URLs belegen: Mathe rockt, eigentlich jede deutsche Stadt (und möge sie noch so provinziell klingen) rockt und Jesus rockt. Mit Akkusativobjekt geht es auch. Ich rocke den Club, du rockst den Kater, er rockt die Führerscheinprüfung, wir, ihr und sie rocken jede Situation.
Beim schriftlichen Fixieren überkommt mich ein Zweifel, ob das Verb unter Jugendlichen wirklich noch gebräuchlich ist. Das Lexikon „ Jugendsprache unplugged 2009“ führt es allerdings noch und übersetzt: Spaß machen, Stimmung machen. Als Anwendungsbeispiel wird folgender Satz angeboten: Ich hab den Wii ausprobiert, das Teil rockt! Trotz der Schleichwerbung bin ich beruhigt. Es geht noch um Körper in Bewegung. Und bei einer Version des Wii-Spiels Rayman Raving Rabbids kann man am Schluss sogar als weisse Kaninchen auf der Bühne stehen, Songs mit den Steuerungselementen nachspielen und rocken, bzw. so tun als ob.
Sonntag, 26. April 2009
Shine a light on the fans
The clearly fake front row of foxy young ladys pretending to have a good time.
Completely unneccesary and looked totaly fake to me!!!”
the hired, Paris Hilton clones, in the FOS area, who were in 95% of the shots, and didn't know the words or the songs being played. Embarrasing faux-pas, imo.
Whoever decided to try and 'MTV Awards' the experience, by employing a gaggle of clapping, blonde sealions, has hurt this movie, and discredited themselves, in the process.
Der Eifer, mit dem gegen diese Fremdkörper, die sie in ihren Augen darstellen, angeschrieben wird, ist gross. Während die einen monieren, dass der Film dadurch nicht authentisch wirke und die Bezeichnung Dokumentarfilm nicht verdiene, bewegen sich die Kommentare anderer auf einer weitaus persönlicheren Ebene. Sie fordern, mal mehr mal weniger explizit, einen Platz für sich, in dem Film. Zu einem richtigen Konzertfilm gehören, so der Tenor, auch richtige Fans, die durch ihre Präsenz und Begeisterung die Band zu noch besseren Leistungen verholfen hätten.
the fake fans, a real slap to the hardcore fans imho
One shot showed someone watching Keith - she was clapping as directed but showed none of the thrill that most of the true fans would have.
you try to ignore it but you know deep down with a proper crowd the atmosphere would have been ten times better and who knows inspired mick to even better heights in an already outstanding performance.
Immer wieder wird das jugendliche Alter der Fan-Statisten als Zeichen ihres Fremdkörperdaseins herangezogen. Ist eine generationenübergreifende Fankultur nicht erwünscht?
I hate them for FIVE reasons - 1) they're young and attractive 2) they got into the Beacon and I didnt 3) they got into the front row of a Stones theatre show, 4) they got paid for doing so and 5) they acted like they'd rather be somewhere else. What the @#$%& is it with all those cellphones? Jesus. You can expect that in a stadium when youre 60 yards away and interest in whats going on on the stage flags occasionally, but when you're in a theatre and Mick Jagger emerges from a side door at the start of 'Sympathy for the Devil' ?
As straycatuk says, they werent sending in the setlists. More like they were texting their dads asking "whats the name of that song that starts with something about 'a crossfire hurricane' or "Theyre playing "Hope you guess my name!".
Hinter dem Unmut darüber, dass nur auf der Bühne, nicht aber im Parkett das Altern sichtbar werden darf, versteckt sich die Forderung angemessen repräsentiert zu werden. Es ist eine Abgrenzung zum Zweck der Selbstbestätigung.
Montag, 13. April 2009
Shine a light II
Sie beginnt mit den bekannten Rhythmen, die Bühne ist in ein rotes Licht getaucht. Rolling Stones- Rot oder Teufel- Rot, bei diesem Song ist keine Unterscheidung möglich oder nötig. Der Auftritt von Mick Jagger erfolgt über den Zuschauereingang, und auch das erscheint nur folgerichtig, denn bei den Warhorses, den Klassikern der Stones, ist das Publikum schon längst zum Bestandteil der Performance geworden. Schon bei den ersten Klängen whooohooo-en sie sich ein und feiern die Erscheinung, die sich ihren Weg über den Laufsteg durch die Menge tänzelnd bahnen wird.
Mick Jagger erscheint zunächst als dunkler Umriss, umrahmt von einer Flügeltür, die durch den Lichteinsatz unweigerlich an eine Höllenpforte denken lässt, dann als Routinier im schwarzen Federmantel, der auf die Bühne strebt, die wiederum Assoziationen an einen Altarraum mit goldenem Triptychon hervorruft. Auf seinem Weg animiert er das Publikum zum Klatschen, dieses folgt in einer gemilderten Ekstase. Keine Absperrungsgitter, wie sonst bei Konzerten üblich, halten die Fans davon ab, dem Star zu nahe zu kommen. Sie bleiben dennoch diszipliniert an ihrem Platz und strecken Mick Jagger lediglich Hände und Fotohandys entgegen. Auch wenn die Bestuhlung des Parketts entfernt wurde und das Publikum demnach stehen, sich bewegen kann, wirkt es gezähmt, fast choreographiert.
Das Beacon Theater wurde, gewählt um dem Konzertfilm einen intimen Rahmen zu geben, und vor allem bei „ Sympathy fort he Devil“ fangen die zahlreichen Kameras nicht nur die Band, sondern auch die Zuschauer ein, doch die Grenze zwischen ihnen wird nicht aufgelöst, diese Auflösung wird nur behauptet.
Mittwoch, 8. April 2009
Shine a light
In den Interviewschnipseln geht es wieder um die Lebensdauer der Rolling Stones. Kurze Archivaufnahmen aus verschiedenen Jahrzehnten zeigen, wie die Bandmitglieder immer wieder über die Frage ihres Fortbestehens spekulieren (müssen). In den 60ern traut sich mit Jagger noch ein weiteres Jahr zu, in den 70ern kann er sich schon vorstellen mit 60 noch auf der Bühne zu stehen, 2006 tut er dies für einen Film von Martin Scorsese.
„Shine a light“ ist aber kein dokumentarischer Film, der die Bandhistorie auffächert, sondern ein Konzertfilm. Mit 14 zum Teil oscar-prämierten Kameramännern konzentriert sich Martin Scorsese auf die Bühnenperformance. Kernstück seines Films sind die Auftritte der Rolling Stones im New Yorker Beacon Theater 2006. Diesem ist eine Art Making-Of vorangestellt, das einen Eindruck von den Schwierigkeiten im Vorfeld und im Zuge der Dreharbeiten vermittelt. Es ist eine kurze Erzählung eines Duells zwischen Filmemacher und Gefilmten. Scorsese und Jagger sind sich uneinig über Fragen in Bezug auf Bühnenbild, Positionierung der Kameras, Setliste und die Notwendigkeit von riesigen Kamerakranarmen und Scheinwerfern, die jedes Stadion erstrahlen lassen könnten. Dies kann man in seiner Selbstreferentialität als belanglos empfinden, aber es wäre falsch anzunehmen, hier scheitere ein Filmemacher an seiner Aufgabe.
Das Schattenboxen zwischen Scorsese und Jagger als ein Kräftemessen um die Inszenierungshoheit ist unterhaltsam und hat in Anbetracht des Sujets, der meistgefilmten Band der Welt, auch seine Berechtigung. Scorsese inszeniert dabei nicht nur die Band, sondern auch sich selbst als komödiantische Regisseurs-Figur, die als Antwort auf die Bedenken des Jaggers nur die wuchtigen Augenbrauen lüpft.
Der Film beginnt damit, dass Jagger das von Martin Scorsese vorgeschlagene Bühnenbild als Puppenstube kritisiert. Aber die Stones sind größer als die Papierfiguren des Entwurfs und der Film macht es sich nicht zur Aufgabe, an ihrem Mythos zu kratzen. Nach dem Auftritt fährt die Kamera an der Band vorbei, sie nimmt den Zuschauer mit- aus dem Theater raus auf den Broadway. Die Steadicam gibt dabei vor, die Sicht ( POV) von Mick Jagger zu übernehmen. Zwischen den Fans taucht Scorsese zweimal auf. Er gibt Anweisungen, erweist sich aber als Fan, der im Schattenboxen bereitwillig unterliegt.
Freitag, 27. März 2009
Inspektion
„I´ve been around for a long, long year”, stellt sich der Ich-Erzähler in “Sympathy for the devil” vor. Gleiches gilt für die Urheber des Songs. Wenn sich Journalisten diesem Tatbestand annehmen, bleibt es nicht bei dieser Feststellung, die Analyse führt zu einer Inspektion der Körper der dienstältesten Rockband der Welt. Dabei gehen sie wie die Entdecker einer besonderen Spezies vor, beschreiben Physiognomie, Essverhalten, Bewegungsmuster und soziale Interaktion. Immer überspitzt, manchmal witzelnd, spöttisch, ironisch-abwertend, im Schlussakkord meistens versöhnlich im Eingeständnis der erbrachten Leistung der „unkaputtbaren Dinosaurier“.
„ Alle sehen aus wie Echsen vor der letzten Eiszeit, sie bieten faszinierendes biologisches Anschauungsmaterial. Das Echsenweibchen Mick aber futtert nur noch Grünzeug, während die Echsenmännchen sich von Stoffen ernähren, die nicht nur Echsen auf Dauer umbringen. Man weiß ja, dass Frauen länger leben.“[1]
Hier werden den beiden Hauptvertretern Geschlechtscharakteristika zugeschrieben und somit indirekt das Bild einer matriarchalischen Familie evoziert. Einer Familie, die sich fortpflanzt:
„Keine Frage, frisch geschlüpfte Bands wie Hives, Libertines oder Kaiser Chiefs sind klingender Klon, beliebig abzuleiten aus der Erbsubstanz. Die Rolling Stones erweisen sich als die DNA des Rock ’n’ Roll.“[2]
Diese DNA versorgte die Band damals und ihre Kinder heute mit dem Talent, das Prinzip Jugend idealtypisch darzustellen. Vor Jahrzehnten wurden sie dann und aufgrund dessen in das Labor der medialen und populärwissenschaftlichen Altersforschung gebracht.
„Wissenschaftler haben sich damit befasst und festgestellt, dass Popstars rein statistisch entweder mit 27 an ihren Berufskrankheiten sterben oder sich von tödlichen Gewohnheiten verabschieden. Dann werden sie bei Turnen und Salat so alt und runzlig wie Mick Jagger. Als Bestätigung der Regel dient die Ausnahme Keith Richards.“[3]
Die Bandmitglieder dienen als Projektionsflächen für die Vorstellungen vom Älterwerden, auf einer Skala von „bemüht jugendlich“ bis „in Würde“. Als Indizien werden die engen Hosen und bauchfreien T-Shirts Jaggers, „immer ein Beckenkreiseln hinter seinem eignen Mythos her“[4], die Furchen in Richards Gesichts, „der sein verwittertes Äußeres mit allerhand Glitzerschmuck Richtung Voodoo-Zombie überhöht“[5] und der stoische Gesichtausdruck von Watts, „eine Art stillvergnügter Ehrenpräsident, den man schon aufgrund seiner bescheidenen Zurückhaltung bewundern kann“[6] herangezogen. Sie werden auf die klischierten Prototypen, Verkörperungen „männlichen Alterns“ reduziert (der ewige Rebell, der Lustgreis, der Gentleman etc.), aber manchmal wird auch deutlich, dass sich die Band selbst einen Körper aus verschiedenen Images gebaut hat:
„[Keith Richards] spielt er den good guy, das Symbol des ewigen Rock ’n’ Rollers mit der Jedermann-Stimme; jeder liebt den Bluesgitarristen im Schaukelstuhl auf der Holzveranda. Ebenso wie den weißhaarigen Charlie Watts, cool cat am Schlagzeug, intellektuelle Konstante im Sex-’n’-Drug-Geschäft der Rockmusik, jazziges Alibi im Neverland der Eins- und Drei-Betonungen. Dem Dritten im Bunde bleibt da nur die Rolle des bad boy, des kalten Geschäftsmannes, des Sex- und Body-Besessenen.[…] Er muss laufen, muss schwitzen, muss sexen und seinen Waschbrettbauch zeigen, darf sich nicht verletzen. Also gibt Mick den Körper, Charlie ist Kopf, Keith das Herz: Der Organismus Rolling Stones präsentiert seine Teile, und wer das Ganze mit der Realität verwechselt, ist selber schuld.[7]“
Freitag, 20. März 2009
Alte Meister
Auf der Suche nach den photographisch festgehaltenen Spuren des Alterns der Rolling Stones bin ich auf dieses Bild gestossen.
Keith Richards hat sich 2008 im Rahmen einer Louis Vuitton-Werbekampagne ( www. journeys.louisvuitton.com) von Annie Leibovitz fotografieren lassen. Es geht, was nahe liegt, um das Reisen. Inszeniert wird das Reisen in dieser Kampagne als „personal journey“, als „moment of self-discovery“ für verschiedene prominente Persönlichkeiten. Gorbatschow fährt auf dem Rücksitz einer Limousine an der Berliner Mauer vorbei, Catherine Deneuve sitzt auf Koffern auf einem Bahnsteig neben der einfahrenden Lok, als Diva auf dem Set eines grossen Klassikers, Francis Ford und Sophia Coppola sind in ein intergenerationelles Cineastengespräch vor der untergehenden Sonne Safari-Afrikas vertieft, Sean Connery entspannt in der Südsee und Keith Richards sitzt allein mit seiner Gitarre in einem Hotelzimmer. Der Werbeslogan :" Some journeys cannot be put into words. New York. 3 am. Blues in C." Antoine Arnault von Louis Vuitton fügt hinzu: “This is the first time ever that Keith Richards has participated in an advertising campaign of any sort, and it is hard to imagine a more compelling embodiment of a personal, emotional journey."
In der Inszenierung des Fotos hat die Lebensreise den Rockstar zu einem Nicht-Ort geführt, in ein Hotelzimmer bei Nacht, das er sich persönlicher gestaltet hat. Er hat Bücher verteilt, das Licht der Lampen durch schwarze Tüchern abgedunkelt und den Beistelltisch mit einem Totenkopf versehen. Eine frühe oder späte Bestellung aus der Hotelküche steht auf einem Sessel, der edle Koffer liegt auf dem Bett und dient als Ablagefläche für eine Tasse Tee, die Nachtlektüre und eine Leselupe. Hier nimmt kein Star ein Hotelzimmer auseinander, hier hat sich jemand eingerichtet- sagt das Foto. Dabei wird nicht verhehlt, dass es sich nicht um den heimlichen Blick durchs Schlüsselloch handelt. Die Künstlichkeit, das Gemacht-Sein des Fotos wird nicht versteckt. Der Porträtierte trägt sein Performance-Outfit: Lederjacke, offenes Zebrahemd, eine glänzende Hose, Silberschmuck und Kopftuch. Die Accessoires sind drapiert, positioniert- ein Arrangement in einer reduzierten Farbpalette in braun-beige und blau. Es wurde reichlich geleuchtet, die Schattenbereiche sind sehr hell, die Gitarre und Koffer reflektieren das Licht. Keith Richards Gesicht hat tiefe Furchen und wirkt dennoch retouchiert, wie eine Wachsfigur.
Die Bücher und die Tücher über den Lampen ergeben eine seltsame Mischung aus Teenagerzimmer und Ruhesitz. Vielleicht keine falsche Kulisse für jemanden, der wenn er stürzt, dann nur in den Ferien von einer Palme oder von der Leiter in seiner Bibliothek. Sonstige Abstürze gibt es nicht mehr, die Jugend ist verflogen, die Leselupe gibt einen Hinweis auf den körperlichen Verfall. Geblieben ist die Liebe zum Ursprung des Rock, dem Blues, und dem Nationalgetränk seiner Heimat. Und wohin führt die Reise? Ist die halb geöffnete Tür im Hintergrund, die ins Licht führt, und die Totenköpfe (Vanitas) als Jenseits-Metapher zu lesen? Wartet hinter der Tür der Teufel oder Mick Jagger?
Keith Richards hat die Bilder in einem Hinter-den-Kulissen-Video mit „Oh yes, baby. Yeah, it´s a rembrandtish“ kommentiert.
Mittwoch, 25. Februar 2009
Relikte und Reliquien II
Beim Papst ist es relativ einfach. Es gibt zwei Körper. Der eine ist in seinem Stellvertretertum auf die Ewigkeit hin ausgerichtet, der andere menschlich-vergänglich. Aufgrund dessen gilt: Der Papst ist tot, es lebe der Papst! Bei den säkularen Königen des Rock und Pop der 60er Jahre ist die Frage nach der Unsterblichkeit etwas schwieriger zu beantworten. Die Möglichkeit, die Zeit der eigenen Biographie zu überdauern, bekamen sie nicht von einer Institution oder durch Berufung auf eine höhere Instanz, sondern von jugendlichen Anhängern, den Teenage Consumern.
Aufgrund dessen gibt es bei den popkulturellen Ikonen nicht nur die Zweiteilung in Kunstfigur und private Person, sondern eine Aufspaltung in eine Vielzahl von Identifikationsangeboten. Eines der bei den Fans beliebtesten Images ist das des Künstlers mit dem Hang zur Selbstzerstörung bzw. das des grossen Talents, das zu früh starb. Live fast, die young war der Weg zum Ruhm der Vorbilder einer Generation, die sich so jung fühlte, wie noch keine Generation vor ihnen und die ihre Jugend wie ein Zeichen der Allmacht vor sich her trug. Pop klammerte das Altern aus, beinhaltete aber immer das Moment des Flüchtigen, Vergänglichen.
In diesem Kontext ist es leicht, denjenigen, die den Ruhm überlebt haben, mit Skepsis zu begegnen. Auf die Rolling Stones, die dienstälteste Rockband der Welt, trifft dies im besonderen Maße zu. Die immer wiederkehrende Bezeichnung als Dinosaurier des Popgeschäfts deklariert sie als Relikte, die in ihrer Persistenz nicht vorgesehen waren. Als solche werden die ehemaligen Verkörperungen eines Lebensgefühls zu lebenden Anachronismen erklärt, die auf den Bühnen großer Stadien zum Anschauungsmaterial für einen vermeintlichen Irrweg der Pop-Evolution werden. Die immer wieder letzte Welttournee der Band wird wahlweise mit Geldgier oder einer Hybris erklärt, die nur der Jugend zugestanden wird.
Dass Jugend und Pop untrennbar zusammengehören, erscheint jedoch als ein überholtes Denkmodell. Pop hat sich von einem Distinktions- zu einem Inklusionsmittel entwickelt. Wichtiger in diesem Zusammenhang erscheint mir aber, dass Pop immer nachfrageorientiert war und immer auch Zitat. Künstler, die sich -ihrer Wirkung gewiss- selbst zitieren und Rezipienten, die genau dies erwarten, ergänzen sich auf das Vortrefflichste. Die gemeinsame Reliquie ist das Pop-Phänomen Rolling Stones auf ihrem Zenit zwischen 1965 und 1970. Sie wird von beiden Seiten konstruiert und erhalten. Erstmal für immer.
Sonntag, 7. Dezember 2008
Relikte und Reliquien
Der Papst verzeiht John Lennon- diese Meldung ging vor wenigen Wochen durch die Medien. Sie basiert auf einem Artikel des Osservatore Romano, der offiziellen Zeitung des Vatikans. In diesem Artikel wird Bezug auf die von John Lennon vor 42 Jahren geäußerte Behauptung, die Beatles seien berühmter als Jesus, genommen. Damals reagierte der Vatikan verstimmt, nun zeigt er aber Verständnis für den, so heißt es, Übermut eines jungen Mannes aus der englischen Arbeiterklasse, der von seinem Ruhm überfordert war. Sicherlich nicht ganz freiwillig hatte sich John Lennon zwar schon kurz darauf für seine Worte entschuldigt, aber für ihre Gnadenbekundigung nahm sich die Kirche Zeit. Das kann sie auch, denn um zu verzeihen ist es insbesondere für die Kirche nicht nötig, dass die betreffende sündige Person noch lebt.
Anlass für den späten Sinneswandel ist ein Jubiläum. Vor 40 Jahren, im November 1968, erschien das „ White Album“ der Beatles, dessen Qualität im genannten Artikel gelobt wird. Zur etwa gleichen Zeit arbeiteten die Rolling Stones an ihrem Album „Beggars Banquet“ und nahmen „Sympathy for the Devil“ auf.
Ob es nun aus theologischer Sicht ketzerischer ist, sich mit Jesus zu vergleichen oder um Mitgefühl für den Teufel zu werben, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.
Freitag, 21. November 2008
One plus One- Godard und die Frauen
Eigentlich wollte Jean-Luc Godard, als er nach England kam, einen Film über Abtreibung machen. Die restriktiven Gesetze wurden jedoch gelockert und Godard entschied sich, einen Film über eine Boy-Group zu machen, an dessen Ende die Leiche einer Frau am Strand von einem Kamerakran in den Himmel gehoben wird. Anlass genug der Frage nachzugehen, welche Frauenbilder in dem Film One plus One entworfen werden.
Der 1968 entstandene Film ist eine Collage. Er zeigt die Rolling Stones bei den Aufnahmen zu ihren Song Sympathy for the Devil. Neben diesen dokumentarischen Szenen gibt es mehrere wiederkehrende fiktionale Handlungsstränge. Auf einem Autoschrottplatz verkünden bewaffnete, schwarze Radikalisten Texte der Black Panthers und richten weisse Frauen hin. Ein Dandy liest in seinem Laden für pornographische Groschenhefte aus „Mein Kampf“. Eine junge Frau wird in einem Wald von einem Filmteam interviewt. Hinzu kommen kurze Szenen, in denen Slogans an Häuser, Autos etc. gesprüht werden. Eine Erzählerstimme aus dem OFF verliest verschiedene Passagen aus einem Spionageroman, der zugleich auch ein Politporno ist. Es gibt keine herkömmliche narrative Struktur, keine handelnden Figuren. Politik und Sex, Macht- und Geschlechterverhältnisse werden als Teile des 68er Diskurses aufgenommen.
Die weibliche Figur, die die meiste Filmzeit einnimmt, wird von Godards damaliger Lebensgefährtin Anne Wiazemsky gespielt. Sie ist eine junge Frau, die durch die Natur wandelt und dabei von Reporter, Kamera- und Tonmann sowie suggestiven Fragen verfolgt wird. Ihr Name, so erfährt der Interviewer und mit ihm der Zuschauer, ist Eve Democracy. Sie wird also als eine allegorische Figur ausgewiesen- eine Allegorie in einem mädchenhaften Kleid und einer ebensolchen Frisur. Sie ist so unschuldig, dass ihr nahender Tod feststeht. Nicht nur im bürgerlichen Trauerspiel und Horrorfilmen sind es die jungen Töchter, die sterben.
Durch ihren limitierten binären Antwortkatalog („ Ja“ oder „Nein“) macht sie mit in einem Spiel, in dem die Fragen den Vorrang haben. Am Ende des Interviews, nach langen Minuten, antwortet sie auf die Frage, ob man als revolutionärer Intellektueller aufhören müsse ein Intellektueller zu sein, mit einem insistierenden „ Yes, yes, yes, yes…“. Hier ist sie das Sprachrohr Godards. In einem Interview vor den Dreharbeiten zu One Plus One verriet dieser, er wolle den Film so einfach wie möglich machen „ almost like an amateur film. What I want above all is to destroy the idea of culture.”[1] Für den intellektuellen Filmemacher, der Kultur und bürgerliches Erbe hinter sich zu lassen trachtet, wird das Bild des „Mädchens“ in Form männlicher Wunsch und Ideologieproduktion zur Antwort? Diese Interpretation liegt nahe, doch greift sie vielleicht insofern zu kurz, als dass sie außer Acht lässt, dass der Film Konstruktion und Dekonstruktion gegenüberstellt. Die grüne Idylle, in der sich Eve bewegt, und die die tradierte Gleichsetzung von Natur und Weiblichkeit ins Gedächtnis ruft, wird durch künstliches Vogelgezwitscher und Flugzeuglärm gebrochen. Sie begeht später Selbstmord und Godard ist es, der auftritt und Kunstblut verteilt.
Mittwoch, 12. November 2008
Intro
“Hope you guess my name.”„ Mick Jagger“, lautet die Antwort. Zumindest in einer verbreiteten Interpretation des Songs „American Pie“ von Don McLean.
So come on, Jack, be nimble, Jack be quick
Jack Flash sat on a candlestick,
´Cause fire is the devils only friend.
Oh, and as I watched him on the stage,
My hands were clenched in fists of rage.
No angel born in Hell
Could break that Satan's spell
And as flames climbed high into the night
To light the sacrificial rite
I saw Satan laughing with delight
The day the music died
Folgt man dieser Interpretation, bezieht sich der Text auf die Ereignisse beim Altamont Free Concert. Die Rolling Stones, die 1968 die Single „Jumpin` Jack Flash“ veröffentlicht hatten, spielten am 6. Dezember 1969 bei einem kostenlosen Festival auf dem Gelände des nordkalifornischen Altamont Speedway. Während ihres Auftritts wurde einer der Besucher, Meredith Hunter, von einem der als Sicherheitskräfte engagierten Hell´s Angels erstochen.
Im Songtext wird dieser Todesfall ein „sacrifical rite“, ein Opferritus, und der Sänger der Rolling Stones jemand, der sich auf der Bühne als Flüche verhängender Satan oder zumindest als einer seiner Verbündeten zu erkennen gibt.
Don McLean war weder der erste, der die Rolling Stones in die Nähe satanistischer Strömungen rückte, noch der erste, der dieses Konzert zu einem symbolischen Wendepunkt erklärte.
The day the music died.
Jener Tag habe die Rock-Festivals ihrer Unschuld beraubt und das Ende der Hippie-Seligkeit eingeläutet, schrieben die Kritiker.
Do you believe in rock ´n roll
Can music save your mortal soul
And can you teach me how to dance real slow
Und was hat “Miss American Pie” damit zu tun? Anscheinend steht sie für eine zur Zeit der Unschuld erhobenen Phase des Rock´n Roll, in der sich die Jugendlichen diszipliniert und „real slow“ im Paartanz zur Musik bewegten und sich nicht in Massen vor Konzertbühnen drängten. Unterhaltung ist stets auch eine körperliche Kategorie.
Diese ersten Gedanken sollen nur ein Einstieg sein. In diesem Blog werde ich nun versuchen, die Rezeptionsgeschichte des Songs „Sympathy for the Devil“ ausschnitthaft nachzuzeichnen. Dabei werde ich mich von der Frage nach Körperbildern und –konstruktionen leiten lassen.
